Sagenhafte Geschichten

Zwei saubere Fuchsen

Zwei saubere Fuchsen

Der Weilerauer aus Singenbach war bekanntermaßen mächtig stolz auf seine zwei schneidigen Fuchs-Pferde. An einem Abend, nachdem er die Prachttiere ausgespannt hatte, saß er im Bräustüberl und aß seinen wohlverdienten Leberkäse. Im Stall nebenan machten sich die Pferde über den Hafer her, während sich auf dem Gäuwagerl, einem kleinen Wagen in der Ecke, quicklebendige Karpfen im Wasserbottich windeten, die der Weilerauer auf dem Fischmarkt gekauft hatte, um sie bis zu Silvester in seinem Weiher zu mästen.

Hochzufrieden hatte er gerade die vierte Maß bestellt, als der Hafner, also der Ofenbauer, Anton Wöhr mit seinem Kumpel, dem Schlosser Haas, zur Tür hereinkam. Die beiden waren stets für jeden Spaß zu haben und sahen im bereits angeheiterten Weilerauer ihr nächstes Opfer. Der vergnügte Pferdeliebhaber, der den Haas nicht kannte, fragte den Toni Wöhr sogleich, wer denn der freundliche, junge Herr neben ihm sei.

Der Toni, prompt eine Steilvorlage zu einem gelungenen Streich witternd, sagte freiheraus: „Des ist der neue Herr Assessor vom Bezirksamt! Der Herr Assessor is fei a großer Pferdekenner!“

Da hatte der beeindruckte Weilerauer bereits angebissen wie die bedauernswerten Karpfen im Wasserbottich auf dem Gäuwagerl. Voller Stolz führte er den „Herrn Assessor“ zu den Fuchsen in den Stall und ließ sich aus über die unbestreitbare Schönheit seiner zwei Prachtexemplare. Der Hafner-Toni stibitzte in der Zwischenzeit die armen Karpfen vom Wagen, um sich selbst am Silvesterabend eine geschmackvolle Speise zu gönnen.

„Im Geschirr müsste man die Prachtgäule halt amal sehen können!“, meinte der hinterfotzige Schlosser Haas, woraufhin der Weilerauer sofort seinem Knecht zurief: „Hausl! Spann ei´!“

In Windeseile sprang er auf den Kutschbock, zückte die Peitsche und los ging die wilde Fahrt, dass man meinen konnte, es wäre der leibhaftige Teufel, der auf die Gerolsbacher Landstraße hinausfuhr. Die Wangen des Weilerauer glänzten vor Anmaßung noch ein wenig röter, nur die Karpfen plantschten von nun an im Weiher vom durchtriebenen Hafner-Toni.

„Herr Oberst“ zu Pferd

„Herr Oberst“ zu Pferd

Zu einer Zeit, in der das stramme Militär noch nicht aus der Mode gekommen war, wartete die Landwehrkompanie bereits länger als eine geschlagene Stunde auf dem Exerzierplatz in Drei Linden auf den illustren Kommandeur Oberst Marquard Freiherr von Pfetten. Es herrschte, mit Verlaub, ein echtes Hundewetter und der schneidige Hauptmann Schlager war genug damit beschäftigt, die Regentropfen von seiner Paradeuniform zu wischen.

Dann, endlich, kam der feine Herr Oberst in Sicht, hochgemut auf einem edlen Braunen heranreitend. Hauptmann Schlager reckte feierlich den Degen gen Himmel und brüllte: „Habt acht!“

Das ließ sich das Bürgermilitär nicht zweimal sagen und bereitete dem Herrn Oberst einen gebührenden Empfang: trommelnde Trommler, trompetende Trompeter und pfeifende Pfeifer begrüßten den Ankömmling mit der größtmöglich aufbringbaren Ehre.

Dem Herrn Oberst schien das Wetter jedoch deutlich mehr auszumachen: In der Hand einen großen, aufgespannten Regenschirm, dankte er den Männern jovial, gar ein wenig herablassend, und stieg dann grinsend vom hohen Ross.

Da war der Hauptmann Schlager prompt einem Herzkasper nahe: Denn der unverschämt feixende „Herr Oberst“ war in Wahrheit kein Geringerer als der junge Schlosser Martin Haas, ein bescheidener Landwehrmann vom dritten Glied. Dieser meldete lässig, er hätte sich zur Übung bedauerlicherweise etwas verspätet auf den Weg gemacht und wäre schließlich auf den Knecht des Bierbrauers Luckenbacher getroffen. Einer spontanen Eingebung nach hätte er den Knecht um das mitgeführte Kutschwagenpferd gebeten, das ohnehin nach Drei Linden gebracht werden sollte, um es an das Schießen und Krachen, das Trommeln und Trompeten, das Pfeifen und Geschrei zu gewöhnen.

„Und jetzt“, meinte der entlarvte Landwehrmann Haas entgegenkommend, wobei er seinen wutschnaubenden Hauptmann ganz unmilitärisch duzte, „und jetzt kannst D´mich, wenn D´willst, zur Sau macha!“
So blieb dem aufgebrachten Hauptmann Schlager wenigstens dieses erfüllende, die Schmach kurierende Vergnügen.

Knittl und die fliegende Stute

Knittl und die fliegende Stute

Es war schon eine imposante Machtdemonstration, als die Franzosen Anno 1800 ihre schier endlosen Armeekolonnen von Aichach nach Pfaffenhofen marschieren ließen. Allzu verständlich erschien deshalb der Wunsch des alten Knittl, ausgerechnet die französischen Streitkräfte des Generals Moreau einmal aus der Nähe zu bewundern.

Der schrullige alte Mann wollte diesen wagemutigen Plan tatsächlich durchziehen. Also mietete er sich beim Posthalter einen berühmt-berüchtigten schnellen Vollblüter: Der edle Vierbeiner hatte in seiner Vergangenheit so manches Rennen für sich entschieden und trug den ehrenwerten Namen „Die fliegende Stute“.

Der alte Knittl war mächtig stolz, als er auf hohem Ross den honorierten Franzosen entgegenritt. Seine offene Bewunderung traf nur leider nicht auf Gegenliebe: Bis Osterham schaffte es der alte Knittl ohne Zwischenfall, dann jedoch kamen die Franzosen den Peutenhausener Berg herauf und im Handumdrehen hatte die namhafte „fliegende Stute“ den Besitzer gewechselt.

Dem armen Knittl blieben am Ende nur eine ordentliche Tracht Prügel und ein leerer Geldbeutel, da er die davongeflogene „fliegende Stute“ dem Posthalter natürlich teuer bezahlen musste.

Im Karzer

Im Karzer

Der Aumüllersohn Johannes Zrirschling stand seit jeher auf Kriegsfuß mit der leidigen Mathematik. Als er sich eines Tages wieder einmal dümmer als erlaubt angestellt hatte, riss dem Lehrer Sommer der Geduldsfaden: „Eine Stunde Karzer!“

Zrirschling schlurfte beschämt aus dem Klassenzimmer, war der Karzer als Arrestzelle doch schlimmer als jedes Nachsitzen heutzutage. Dieser Karzer aber diente eigentlich der Zenzi, der Sommerschen Hausmagd, als Schlafkammer, was dem Zrirschling mehr als gelegen kam.

Als auch der Rest der Kinder die elendige Mathestunde überstanden hatte, schickte Lehrer Sommer den Klassenprimus zum Karzer, mit den Worten: „Guck amal nach, was das Johannesle treibt!“

Doch nach seiner Rückkehr hatte der Klassenprimus nur zu vermelden, dass das Johannesle überhaupt nichts trieb. Es schlief nämlich seelenruhig und schnarchend im Bett des Dienstmädchens und hatte sich die Strafe vorteilhaft zurechtgelegt.

Dem Lehrer Sommer blieb nichts anderes übrig, als den Zrirschling mit dem spanischen Rohr schroff aus seinen mathematikfreien Träumen zu reißen und zuzugeben, dass die Dienstmädchenkammer als Karzer völlig ungeeignet war.

Ignaz Thurmayr und das Pony

Ignaz Thurmayr und das Pony

Über Jahre hinweg hatte sich der Schuhmachermeister Ignaz Thurmayr den Spitznamen „Schlendrigang“ hart erarbeitet. Er war äußerst fröhlich, einfallsreich und für die schönen Seiten der Natur zu begeistern, wie etwa für die prächtige blaue Donau. Nachdem er etliche Jahre in Wien gearbeitet hatte, hatte er von dem geliebten Fluss ein Couplet an die Paar mitgebracht und trug dieses muntere Lied mit dem markigen Refrain von nun an bei jeder Gelegenheit in Gasthäusern vor.

Die Reiselust brachte ihn letztendlich dazu, eines Tages das Schusterhandwerk an den Nagel zu hängen und stattdessen als Briefträger beim Posthalter Anton Außerbauer auf der „Post“ am Schrannenplatz regelmäßig von Tür zu Tür zu laufen.

Als ein dienstfreies Wochenende nahte, beschloss Thurmayr, seinen Bruder, den hochwürdigen Herrn Pfarrer in Echsheim bei Pöttmes, zu besuchen und dort im Pfarrhaus sein Nachtlager aufzuschlagen. Vom Posthalter Außenbauer lieh er sich für diesen Zweck ein zweirädiges Laufwagerl samt genügsamem Pony.

Die Hinfahrt verlief ohne Probleme, doch in der Nacht schien das Heimweh das Pony ein wenig zu früh zu packen: Es schüttelte im Pferdestall das Halfter ab, gelangte ins Freie und trat freudig wiehernd den Rückweg nach Schrobenhausen an.

Da staunte Thurmayr nicht schlecht, als er am nächsten Morgen die Bescherung sah. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als das zu tun, womit ein Briefträger ohnehin den ganzen Tag verbrachte: laufen, laufen, laufen.

Am Tag darauf kam schließlich auch das zweirädige Laufwagerl zurück. Und so waren es diesmal die anderen Leute, die in den Gasthäusern was zu erzählen hatten.

Der Heuaufzug

Der Heuaufzug

Lehrer Sommer nahm die Mitarbeit seiner Schüler nicht nur vormittags im Unterricht, sondern auch gerne nachmittags in Anspruch. Er war ein Gärtner und Nebenerwerbslandwirt, wie er im Buche steht, doch das Heuaufziehen brachte er dann doch nicht allein zustande. Als er eines schönen Tages eine Horde Jungen herumlungern sah, bat er sie, ihm bei der Arbeit zu helfen. Die jungen Kerle, höflich und zuvorkommend, wie sie zu sein hatten, erklärten sich sofort dazu bereit. Außerdem war es ein offenes Geheimnis, dass die Frau Lehrer fleißigen Helfern nach getaner Arbeit gerne ein großes Glas Milch und dickbestrichene Butterbrote anbot. Das Heuaufziehen war mitunter eine anstrengende Sache: Der metallene Greifer musste sich in das zu verstauende Heu hineinkrallen und anschließend mithilfe eines Seilzuges nach oben befördert werden. Heute erschien die Arbeit dem Lehrer Sommer aber besonders mühsam. Während die Schweißtropfen seine Stirn hinunterperlten, fragte er sich verzweifelt, ob der Aufzug möglicherweise geschmiert werden müsse. Es stellte sich schließlich heraus, dass die Jungen doch nicht so höflich und zuvorkommend waren, wie sie sich anfangs präsentiert hatten: Jedes Mal, wenn Sommer das Heuseil hinuntergehantelt hatte, hatten die Bengel gemütlich auf der Zugstange Platz genommen. Der Lehrer sprach ein Machtwort und fortan ging die Arbeit deutlich schneller und bequemer. Fraglich bleibt allerdings, ob die Jungen am Ende ihre Milch und die Butterbrote noch bekommen haben

Das perpetuum mobile

Das perpetuum mobile

So ein perpetuum mobile ist schon was Feines: ein Gerät, das, einmal in Gang gebracht, ohne weitere Energieaufwendung läuft und läuft und läuft, bestenfalls auch noch Arbeit verrichtet. Schade nur, dass es bis heute eine rein hypothetische Idee geblieben ist.  An einer derartigen Erfindung hatte sich im 19. Jahrhundert der Schreinermeister Joseph Prugger aus Schrobenhausen versucht. Auf seine alten Jahre war er, höflich ausgedrückt, ein wenig schrullig geworden und hatte sich in den Kopf gesetzt, jenes sagenumwobene perpetuum mobile zu konstruieren. Noch dazu lockten die Engländer für diese Innovation mit einem beachtlichen Geldpreis.  So stürzte sich der Schreinermeister Prugger in die Arbeit und weder Frau noch Kind, weder Kunde noch Geschäft konnten ihn aus seinem Ideendrang herausreißen.  Schließlich hatte er tatsächlich ein Modell gebaut, das lief und lief und lief, eine ganze Stunde lang. Meister Prugger sah sich bereits in einer Reihe mit berühmten Erfindern wie James Watt und den Gebrüdern Montgolfier, seinen Schreinergesellen versprach er großzügig: „Hans, wenn´s bloß eine Woch´ läuft, schenk i dir mei Anwesen! Sepp, wenn´s funktioniert, kriagst mei Werkstatt! Max, gehen wenn´s tuat, wirst Generaldirektor von die Pruggerschen Perpetuum-mobile-Fabriken in Europa und in Übersee!“  Die arme Frau Prugger hielt sich dann doch lieber an das Realistische und misstraute den großen Reden. Ihr Mann dagegen beruhigte sie mit seinem unverbesserlichen Optimismus: „Klara, wirst es scho sehn: Geht´s heut net, geht´s morgen! Geht´s morgen net, geht´s übermorgen!“  Doch die Wundermaschine wollte nicht so wie ihr Erfinder und so lief sie weder heute noch morgen noch überüberübermorgen…  Am Ende versuchte es Schreinermeister Prugger sogar mit göttlichem Beistand: „Requiescat in pace!“, sang er, „Ruhe in Frieden!“ Für sein Vorhaben war das allerdings ein schlechtweg tödlicher Vers. Und so darf es auch nicht verwunderlich sein, dass die Menschheit bis heute auf das perpetuum mobile wartet.  
 

Der verliebte Tambour

Der verliebte Tambour

Der junge Wilhelm Betz, Sohn des Schneidermeisters Wilhelm Betz, hatte viel übrig für den alljährlichen Musikzug des Landwehrbataillons. Schon als Kind war er in Reih und Glied mitmarschiert, angefeuert von der eifrigen Stimme des vor Stolz platzenden Vaters: „Halt dich grad, Wilhelm! Grad, grad, grad und grad! Die ganze Stadt sieht auf dich!“ So achtete der junge Betz, nach der Devise „Kopf hoch! Brust raus! Bauch rein!“, stets darauf, am elegantesten und majestätischsten über das holprige Straßenpflaster zu stolzieren.  Um 1850, am Abend vor dem Geburtstag des Königs, zog die Kompanie zum Zapfenstreich durch Schrobenhausen. Vor dem Gasthof „Alte Post“ wartete voller Vorfreude die Braut des feschen Tambourmajors auf den Vorbeimarsch des Geliebten. Der berauschte Betz war genauso aufgeregt wie sie.  Zu dumm nur, dass der gewitzte Schützentrompeter Martin Haas in dem glückseligen Tambourmajor mal wieder ein taugliches Opfer sah. Stillheimlich hatte er die Musiker dazu überredet, nicht, wie befohlen, geradeaus durch die Hauptstraße vom Rathaus zum Obertor zu marschieren, sondern bereits beim Gasthaus „Goldenes Kreuz“ links in die Hippergasse abzubiegen.  Während sich also das rhythmische Stiefelklackern der gesamten Kompanie allmählich in der Ferne verlor, stolzierte der euphorische Tambourmajor Betz, den edlen Tambourstab mit dem golden blitzenden Messingknauf schwingend, unter dem ihm unerklärlichen Gelächter der Menge andächtig, aber mutterseelenallein zum
Torbäck weiter. Dem Schneidermeister Betz Senior dürfte die ganze Angelegenheit mehr als peinlich gewesen sein.  
 

Der „Galgalump“ und die „Beinle“

Der „Galgalump“ und die „Beinle“

Wenn die Schüler den Geduldsfaden vom Lehrer Sommer wieder unnötig strapazierten, wurde ihnen schon einmal die Rüge „Setz dich, du Galgalump!“ an den Kopf geworfen. Auch nach vierzig Jahren Dienstzeit im altbayrischen Schrobenhausen war „Galgalump“, das so etwas wie Taugenichts bedeutete, Sommers bevorzugtes schwäbisches Schimpfwort.  Noch weniger als alltägliche Unartigkeiten konnte der Lehrer jedoch Zahnschmerzen nachvollziehen. Klagte ein Schüler mit weinerlichem Blick über Schmerz und Pein im Mundraum, meinte er lediglich verständnislos: „So kloine Beinle machet do gar nia nit weh!“ Darauf folgte meist ein schroffes „Hocke di in die Bank nei, du Galgalump!“  Eines Tages rächten sich die kleinen „Beinle“ jedoch auf hinterhältige Weise. Die Jungen staunten nicht schlecht, als der Lehrer Sommer morgens mit einem wollenen Bund um den Kopf das Klassenzimmer betrat und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die linke geschwollene Backe rieb. Die von ihm jahrelang belächelten Zähnchen hatten zurückgeschlagen.  Von nun an nahm Lehrer Sommer derartige Beschwerden seiner Schüler sehr ernst. Zahnweh gilt seitdem an allen Schulen als triftiger Grund für „entschuldbares Fernbleiben vom Unterricht“.  
 

Die geprellte Torwache

Die geprellte Torwache

Torwachen verdienten seit geraumer Zeit ein kleines Vermögen durch Zollerhebungen bei der Einfuhr von Waren in eine Stadt. Metzger Preckl aus Schrobenhausen dagegen hielt sich für ausgefuchst genug, dieses Hindernis zu umgehen. In Aresing hatte er ein Zentnerschwein gekauft und mit dem Bauern gewettet, das Tier beim Obertor in die Stadt schmuggeln zu können, ohne Zoll dafür zu bezahlen. Vom Bauern brauchte er dafür nur den Hofhund Cäsar.  Anstatt des Schweines steckte Preckl nun zuerst den armen Hund in den Sack, band diesen zu, schulterte ihn und machte sich auf den Weg. Am Obertor angekommen, fragte der Torwächter, was in dem Sack zu verzollen sei.  Preckl erwiderte ehrlich: „Ich hab nix zu zahlen! Da is bloß der Hund drin! Der läuft mir allaweil davon!“ Zur Bestätigung band er den Sack auf und sobald der bemitleidenswerte Cäsar die Luft der Freiheit schmeckte, sprang er wie der Blitz heraus und preschte stadtauswärts Richtung Aresing.  „Mistviech, miserabliges!“, fluchte der Preckl, „willst net glei wieder herkommen?“ Damit rannte er dem Hund hinterher.  Der Rest war nicht mehr als eine Kleinigkeit: Zurück in Aresing steckte Preckl das Zentnerschwein in den Sack, band ihn zu, schulterte ihn und machte sich wieder auf den Weg nach Schrobenhausen.  Am Obertor angekommen, grinste er den Torwächter freundlich an und meldete brav: „Hab ihn schon wieder ei´gfangt, der Hundling, den läufigen!“  Der Torwächter nickte manierlich und sagte amtlich: „Passiert!“  So hatte der Metzger Preckl die Wette tatsächlich gewonnen. Nur der Cäsar nahm ihm die unerwartete Tortur bis zum Ende übel

Meister Benzinger und sein „Weihnachter“

Meister Benzinger und sein „Weihnachter“

Obwohl es für gewöhnlich die Menschen sind, die sich in der Adventszeit wieder stärker der Religion zuwenden, gibt es bereits seit mehreren Jahrhunderten den Brauch, dass an Weihnachten auch ein Schwein „dran glauben muss“. In der guten, alten Zeit wurde jedes Jahr im Dezember ein Borstenvieh, der „Weihnachter“ herangemästet, sodass die Hauserin am Heiligen Abend etwas Ordentliches aufzutischen hatte. Bis zu Mariä Lichtmess im Februar hielt sie Familienmitglieder und Gäste mit saftigen Fleischbrocken und mundenden Würsten bei Appetit und Laune.

Doch damit zur Weihnacht der Haussegen nicht schief hing, musste erst einmal ein Schwein hergeschafft werden. Der Schlossermeister Josef Benzinger, eigentlich Handwerker und Ökonom, widmete sich alljährlich voller Elan dieser Aufgabe: Er besaß einen uralten Vorderlader, also eine Feuerwaffe mit Bleigeschoss, durch die bereits etliche Schweine vorweg das Zeitliche gesegnet hatten. In seinem Hof in der Bräuhiasengasse erfreuten sich Ziegenböcke und Geißen ihres Daseins und auch die gemästete Weihnachtsmahlzeit genoss dort ihre letzten beschwingten Tage.

Als wieder einmal der Heilige Abend vor der Tür stand, beschloss Benzinger, dem Schweineleben diesmal in stolzer Jägermanier ein Ende zu machen. Der vom nervtötenden Ziegenmähen widerhallende Hof gab dabei kein schönes Bild ab, also tat der Schlossermeister so, als befände er sich im dunklen Wald und wäre auf der Jagd nach einem grimmigen Wildschwein.

Das arme Schwein wurde also im Werkstatthof umhergetrieben, in das dichte „Gestrüpp“, das eigentlich eine Ansammlung von Werkzeugen und Schlossergerätschaften war, gedrängt und schließlich in einer kleinen Ecke ins Visier genommen. Nach dem tödlichen Schuss wurde es mit dem Jagdmesser professionell zerteilt und sogar mit dem obligatorischen Grünzeug zwischen den imaginären Hauern bedeckt. Erst dann gab Schlossermeister Benzinger das feierliche Signal mit dem Jagdhorn: „Sau tot.“

Den meisten Spaß hatten natürlich die Jungen, die auf der Hofmauer saßen und spöttisch „Weidmannsheil!“ riefen.

Doch Benzinger nahm ihnen die Sticheleien nicht übel und grüßte freundlich zurück mit „Weidmannsdank!“

Die Benzingerschen Hofjagden entwickelten sich zu einem echten Großereignis: Mehrmals im Jahr wie an Ostern oder auf Kirchweih mussten die Schweine nun dran glauben. Für die Jungen auf der Hofmauer war das Spektakel garantiert und die Hauserin konnte Familie und Gäste von nun an noch öfter mit schmackhaften Delikatessen versorgen.